Jobkiller Digitalisierung – Wie die Maschine den Menschen ersetzt

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In der Debatte um die langfristigen Folgen der Digitalisierung scheint die größte Angst der Menschen darin zu bestehen, ihren Job zu verlieren. Dabei teilt sich die Debatte in zwei Lager. Das eine Lager befürchtet, die Maschinen der Zukunft würden den Menschen und seine Arbeitskraft vollkommen überflüssig machen. Das andere Lager hingegen sieht das Thema nicht so kritisch und behauptet, durch den technologischen Wandel im Rahmen der Digitalisierung würden genügend neuartige Jobs entstehen. Ist die Furcht, als Menschheit überflüssig zu werden, berechtigt oder sind die Optimisten im Recht, wenn sie sagen, der Mensch werde sich schon neue Tätigkeitsbereiche einfallen lassen?

Das Argument der Optimisten

Zunächst einmal ist die Debatte alles andere als neu. Bereits zu Zeiten der industriellen Revolution wurde teilweise das Ende des arbeitenden Menschen prophezeit. Maschinen übernahmen nach und nach die Tätigkeiten, die bisher nur der Mensch erledigen konnte. Die befürchtete Massenarbeitslosigkeit blieb allerdings aus. Das lag zum einen daran, dass besagte Maschinen immer noch von Menschen erdacht, konstruiert und betrieben werden mussten. Zum anderen entstanden völlig neue Arbeitsfelder, an die zuvor kein Mensch denken konnte. Zum Beispiel der Erfindung des Computers, der dutzende Tätigkeiten deutlich effizienter als der Mensch ausführen kann, folgte ein ungeheurer Bedarf an Programmierern und Programmiererinnen.

Um die befürchtete Ersetzung des Menschen durch Maschinen zu relativieren, wird genau auf diesen Sachverhalt verwiesen. Warum sollte man heute Angst vor Robotern haben, wenn damals der Mensch nicht von Dampfmaschinen ersetzt wurde? Die Optimisten sehen also eine lineare Entwicklung des Menschen und seiner Technologie und glauben, die bisherigen Erfahrungen ohne weiteres in die Zukunft extrapolieren zu können. Dies kann man natürlich tun, allerdings stößt man dabei auf einige Schwierigkeiten.

Die Fehler der Optimisten

Zum einen gibt es einen großen Unterschied zwischen den Jobs, die aktuell von Maschinen übernommen werden und denjenigen Jobs, die die nun arbeitslosen Menschen in Zukunft ausführen sollen. Die neuartigen Arbeitsfelder haben nämlich eines gemeinsam – sie alle setzen eine hochspezialisierte akademische Ausbildung voraus. Die Jobs, die aktuell verschwinden, sind hingegen Arbeiten, die in der Regel von niedrig qualifizierten Menschen mit geringer Bildung ausgeführt werden.

Diese Entwicklung begann im 19. Jahrhundert und setzt sich bis ins 21. Jahrhundert fort. Sollte, der eben angeführten Argumentation folgend, diese Entwicklung genau so weitergehen, könnte die Lösung sein, dafür zu sorgen, dass das allgemeine Bildungsniveau und vor allem das untere Niveau drastisch gesteigert wird. Außerdem müssen Menschen permanent weitergebildet und umgeschult werden, denn die "einfache" Tätigkeit von heute kann schon in 20 Jahren von einer KI übernommen werden. Wer nicht mit 40 Jahren in Rente gehen will oder kann, der muss also zum zukünftigen Äquivalent des Webdesigners umschulen.

Wie nötig dies ist, kann man bereits an der aktuellen Lage auf dem Arbeitsmarkt betrachten. Der Großteil der Arbeitslosen besteht nicht aus gut ausgebildeten Fachkräften, sondern aus Menschen mit geringer Bildung oder aus Fünfzigjährigen, die zwar in ihrem Bereich gut ausgebildet sind, aber aus Gründen der Technologisierung nicht mehr benötigt werden. Ein weiterer Fehler liegt in dem Vergleich der Maschinen des 19. und des 20. Jahrhunderts mit den modernen und zukünftigen Maschinen. Die Maschinen von damals waren allesamt spezialisiert auf einen ganz bestimmten Aufgabenbereich. Der Mensch mit seinen mannigfaltigen Talenten brauchte sich also nur etwas zu suchen, wofür es noch keine spezialisierte Maschine gab.

Heutzutage werden jedoch Universallösungen entwickelt. Sollte es gelingen, eine solche Universallösung tatsächlich zu bauen, wird es schwierig für den Menschen, sich alternative Tätigkeiten zu suchen. Nun ließe sich einwenden, dass dies bisher ja kein Problem war, da der Mensch sich gänzlich neue Arbeitsmöglichkeiten hat einfallen lassen. Das funktioniert aber nur solange, wie es etwas gibt, das der Mensch immer noch besser kann als die Maschine. Genau diese Menge an Tätigkeiten nimmt mit der stetigen Verbesserung der digitalen und mechanischen Systeme aber zunehmend ab.

Eine solche Universallösung ist vielleicht nicht in den nächsten 20 oder 30 Jahren zu erwarten. Eine dem Menschen in seiner Vielseitigkeit ebenbürtige Maschine ist aber auf jeden Fall denkbar. Wer nun einwenden möchte, dass genau diese Maschine ja von Menschen entwickelt werden muss, hat die bisherige Argumentation nicht verstanden. Sich selbstschreibender Code existiert schon heute und Wissenschaftler und Ingenieure gehen von einem Zeitpunkt aus, den sie "technologische Singularität" nennen. Dieser Begriff beschreibt den Zeitpunkt, an dem Technologie sich selbst weiterentwickelt. An diesem Punkt wird aus der bisher vom Menschen geleiteten Evolution der Technik eine Autoevolution der Technik.

Auch im wissenschaftlichen Bereich kann dann aus einem technischen Hilfsmittel ein künstlicher Wissenschaftler werden, der dem Menschen in vielen Belangen überlegen ist. Es liegt somit auf der Hand, dass nicht nur vermeintlich einfache Jobs "in Gefahr" sind, sondern, denkt man die technologische

Entwicklung zu Ende, auch diejenigen Jobs, die eine äußerst hohe Bildung voraussetzen. Vor diesem Hintergrund zu sagen "der Mensch wird sich schon etwas einfallen lassen", ist schlicht leichtfertig und ignorant.

Das Ende des arbeitenden Menschen?

Nun stellt sich die Frage, ob das alles überhaupt so schlimm ist. Geht man von unserer aktuellen Gesellschaft aus, ist es selbstverständlich ein großes Problem, wenn massenweise Menschen arbeitslos werden. Unser System ist darauf ausgelegt, dass Menschen Produkte schaffen und dafür bezahlt werden. Mit diesem Lohn können sie dann wichtige und unwichtige Dinge kaufen. Fallen Jobs in diesem System weg, können die betroffenen Menschen nicht mehr an diesem System partizipieren.

Geht man allerdings davon aus, dass der Mensch grundsätzlich nicht mehr benötigt wird, um die vielen wichtigen und unwichtigen Dinge zu produzieren, wird nicht der Mensch, sondern der Lohnerwerb überflüssig. Erste Lösungsansätze sind Konzepte wie das bedingungslose Grundeinkommen. Dies können allerdings nur Übergangslösungen für einen Zeitraum sein, in dem das klassische System noch praktiziert wird. Sollte der Mensch einmal die gesamte Produktion von Gütern auf Maschinen ausgelagert haben, so wird er sich nicht selbst ersetzt haben, sondern lediglich das aktuelle Gesellschafts- und Wirtschaftssystem.

Statt jeden Tag 8 Stunden im Büro zu sitzen, könnte der Mensch mehr Zeit zum Studieren nutzen oder sich der Kunst, Literatur oder Philosophie widmen. Im Prinzip ist genau dies der Kerngedanke von Technologisierung – der Mensch will Arbeit vermeiden, deshalb konstruiert er Maschinen, welche die ihm lästigen Tätigkeiten übernehmen.

Die so gewonnene Zeit kann für die schönen Dinge des Lebens genutzt werden. Realistischerweise muss man wohl davon ausgehen, dass die meisten Menschen nur in einem begrenzten Maße gerne zur Arbeit gehen. Viel lieber beschäftigen sie ich mit dem eigenen Wohlergehen, sei es durch soziale Tätigkeiten, durch die Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur oder durch das Erlangen von Wissen allein um der Erkenntnis willen.

Das Arbeiten ist dabei immer nur unvermeidliches Mittel zum Zweck. In einer Welt, in der der Lohnerwerb – bislang – unausweichlich ist, hat die jüngere Generation das Konzept des "sich im Job selbstverwirklichen" erfunden. Gewissermaßen der letzte Versuch, in der Lästigkeit des Unvermeidbaren doch noch etwas Sinnvolles zu finden.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Furcht, die Maschine könnte den Menschen in der Arbeitswelt ersetzen, durchaus berechtigt ist. Die Konsequenzen davon könnten aber sehr positiv sein. Das Konzept des arbeitenden Menschen ist vielleicht in Gefahr – möglicherweise ist damit dann aber Platz für das Konzept des lebenden Menschen.


© www.vawi.de   Montag, 9. Juli 2018 07:55 vawi
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